|
. . Hast Du mal zwei Minuten Zeit .... ?
... zur Vorseite, oder lesen Sie unten weiter, wenn Sie das Thema interessiert:
An sich habe ich keine Zeit, jedenfalls nicht für das, was nun folgt. Nicht dass ich hellsehen könnte oder Gedanken lesen, es ist nur eben immer dasselbe, wenn das Telefonat so beginnt. Wer wird schon gern ausgenutzt. Wer lässt sich schon gern in seinem Spzialgebiet Konkurrenz von Anwälten machen, die in allen möglichen Rechtsgebieten "wildern" und Geld verdienen, zur Bearbeitung dieser Mandate aber die kostenlose Hilfe von Spezialisten "schnorren". Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich stehe mit vielen Strafverteidigern auch ausserhalb Düsseldorfs in freundschaftlichem Kontakt, diskutiere mit ihnen häufig strafrechtliche Sachverhalte, und erteile in schwierigen Angelegenheiten ebenso gern Ratschläge wie auch ich selbst gelegentlich einen Fachkollegen anrufe, um mit ihm ein schwieriges Rechtsproblem zu erörtern, bei dessen Lösung mir an dem Rat eines anderen Strafverteidigers liegt. Abgesehen davon, dass wir alle auf gegenseitige Hilfe angewiesen sind, bringt es jeden von uns auch fachlich weiter, mit einem auf demselben Spezialgebiet - der Strafverteidigung - tätigen Kollegen über einen Fall zu sprechen und gemeinsam eine Lösung zu suchen. Denn wie schon Simmel schrieb: "Niemand ist eine Insel...". Will sagen: Wir alle sind zur Fortentwicklung unseres Wissens und damit zur kompetenten Beratung unserer Mandanten auf wechselseitige Information und Beratung angewiesen. Was also stört mich an dem Anruf von Jürgen (oder wie immer der Anrufer heisst)? Die Antwort ist einfach: Der "Hast-Du-mal-zwei-Minuten-Zeit-Anrufer" ist kein Strafverteidiger. Er gehört zu der immer noch nicht ausgestorbenen Spezies Anwalt, die ungeachtet eigener Fachkenntnis jedes sich bietende Mandat - aus welchem Rechtsgebiet auch immer - aufreisst, mehr oder minder (oft minder) kompetent "anlutscht" und dann - häufig erst am Abend vor der Hauptverhandlung - auf die Idee kommt, nun doch einmal jemanden zu fragen, der sich vielleicht damit auskennt. In aller Regel verstreichen nun etwa 15 der eigentlich nur erbetenen zwei Minuten damit, dass mir ein komplizierter Strafrechtsfall geschildert wird, und zwar im wesentlichen weniger auf Grundlage der Aktenlage, als vielmehr unter Ausbreitung all der genialen Gedanken, die sich der liebe ansonsten beispielsweise mietrechtlich tätige Kollege gemacht hat. Anschliessend wird etwa weitere fünf Minuten lang angefragt, ob ich es nicht auch für richtig halten würde, wenn (der bisher gar nicht erwähnte) Sachverständige X. morgen früh sofort wegen Befangenheit abgelehnt wird, wenn etliche Beweisanträge (welche ?) gestellt werden, und was denn wohl aufgrund meiner umfangreichen Erfahrung für ein Strafmass zu erwarten wäre. Mein schüchterner Einwand, für eine Prognose über den Ausgang der Sache mehr über den Inhalt der Strafakte wissen zu müssen, wird kurzerhand damit abgetan, die Gerichtsakte umfasse mehr als zwei Leitz-Ordner, das alles liesse sich am Telefon unmöglich darstellen, abgesehen davon hätte der Staatsanwalt hirnrissig ermittelt, auf den Akteninhalt käme es hier gar nicht so sehr an. Ob ich nicht auch meinen würde, der Sachverständige müsse sofort abgelehnt werden. Oder ob mir noch etwas anderes wichtiges einfallen würde? Inzwischen leicht verärgert über die Zumutung, für eine gewissenlose Blitzempfehlung "benutzt" zu werden, äussere ich ein leises "zunächst vielleicht nicht" ins Telefon, was meinen Gesrpächspartner zu einem erneuten Wortschwall veranlasst, dem Wortfetzen wie "geiles Mandat", "solventer Kunde" und "gute Honorarvereinbarung" zu entnehmen sind. Dann ein aufmunternder Spruch nach dem Motto, alles o.k., ich solle mir wegen der Sache keine Sorgen machen ("es wäre vielleicht gut, wenn er sich Sorgen macht"!), und ich höre als letzten Spruch des Kollegen, er hätte sich gleich gedacht, dass mir in der Sache auch nicht mehr als ihm einfallen würde. Damit endet das Gespräch. Vermutlich hatte es Jürgen (oder wie immer er heisst) jetzt doch eilig, denn er muss vielleicht in anderen Mandaten noch einen Wettbewerbsrechtler ("meinst Du nicht auch, dass ich die einstweilige Verfügung bekommen werde"), einen Fachmann für Ausländerrecht ("bei dem Asylantrag habe ich eine glänzende Idee ....") und einen Fachanwalt für Familienrecht anrufen ("was schreibt man eigentlich, wenn der Gegner Klage auf Unterhalt erhebt?") anrufen. Er scheint zu den Anwälten zu gehören, die sich vor keinem Mandat scheuen, ganz gleich welche Kenntnis oder Unkenntnis sie von der betreffenden Materie haben, und ihre Fälle vorwiegend mit fremder Hilfe zu lösen versuchen. Erst dann wird er stolz erhobenen Hauptes die Kanzlei verlassen. Schliesslich - so meint er stolz von sich - kämpft er für seine Mandanten und pflegt in deren Interesse den ständigem Dialog mit Spezialisten. Welcher andere Anwalt kann das von sich sagen? Übrigens: Neulich traf ich Jürgen in der Gerichtskantine. Er berichtete kurz, die Strafsache, in der er mich zuletzt angerufen hatte, wäre gründlich daneben gegangen. "Aber" - meinte er strahlend - "Dir ist ja damals auch nichts Besseres eingefallen, war also nichts zu machen, so ist das eben." Ja, so ist das eben (meint er jedenfalls). |