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. "Knast" im Ausland - was ein Gefangener erlebt Ein Gefängnis ist kein Hotel. Das weiss jedenfalls jeder Strafverteidiger in Deutschland, der häufig in einer JVA (Justizvollzugsanstalt) zum Besuch von Mandant oder Mandantin erscheinen muss. Erst recht trifft dies für die Gefängnisse im Ausland zu. Wer als Deutscher das Unglück hat, in einem fremden Staat in Untersuchungshaft oder Auslieferungshaft zu geraten, mag von den Haftbedingungen in einem deutschen Knast träumen. Da gibt es natürlich gewaltige Unterschiede.
Ich war in einer süditalienischen Haftanstalt, in der mein Mandant auf engem Raum in einer 9-Mann-Zelle leben, in der warmen Jahreszeit mit unsäglicher Hitze und zugleich Wassermangel klarkommen musste, und in der derjenige, der keine ihn versorgenden Angehörigen in der Nähe hatte, keine Wäsche zum Wechseln bekam, sich selbst im Laufe der Zeit also bald nicht mehr "riechen" konnte. Ich war aber auch beispielsweise in der Haftanstalt in Luxemburg, die dem Besucher den Eindruck eines nahezu perfekten und sauberen Gefängnisses vermittelt, in dem es allerdings nach Mandantenschilderungen derart sachlich und distanziert zugeht, dass jedenfalls ein ausländischer Gefangener daran nervlich zerbrechen kann. Schlimm wird es hinsichtlich der Haftbedingungen im entfernten Ausland, wobei ich Ihnen wegen entsprechender eigener Besuchserfahrungen z.B. einiges über Gefängnisse in Mittel- und Südamerika berichten kann. In einem derartigen Gefängnis fand der Gesprächskontakt zwischen mir als Verteidiger und dem Mandanten nur durch eine mit einigen Löchern versehene Metallblende statt. Ich konnte mein Gegenüber - wie auch umgekehrt - gar nicht richtig erkennen. Die Übergabe mitgebrachter Früchte war strengstens verboten und war unmöglich, die Verpflegung der Gefangenen bestand aus einer täglich gereichten "ungeniessbaren Grütze", zumeist bereits erkaltet und im Falle des Verzehrs zu Durchfallerkrankungen führend. Die 6-Mann-Zelle des Mandanten wies nur betonierte "Pritschen" ohne Auflage auf, eine ärztliche Versorgung war nicht gewährleistet, und als ein Zellengenosse qualvoll starb blieben seine sterblichen Überreste etwa einen Tag lang bis zum Abtransport in der sommerheissen Zelle liegen. Keimfreies Trinkwasser war nicht vorhanden und konnte allenfalls - wenn man Geld hatte - bei den Bediensteten käuflich erworben werden. Angehörige durften keinerlei Lebensmittel und Medikamente überbringen, eine leere Zelle neben dem vergitterten Haftraums des Mandanten wurde nächtens zur Unterbringung von Polizeihunden genutzt, deren Exkremente nur gelegentlich entsorgt wurden und einen permanenten unerträglichen Gestank verursachten. Dieser Mandant erlitt während seiner mehrmonatigen Auslieferungshaft in diesem Gefängnis einen Gewichtsverlust von mehr als 30 Kilogramm und schlich mir nach Ankunft in Deutschland als abgemagerter Schatten seiner selbst entgegen. In einem anderen Gefängnis Mittelamerikas brachte ich bei dem Besuch eines Mandanten nahezu zwei ganze Tage zu. Hier war ein ungehinderter Kontakt zwischen Verteidiger und Mandant zwar möglich, allerdings kostete der Zugang zu diesem ständig "Trinkgeld". Ich wurde als Anwalt - ebenso wie andere Besucher - durch eine Vielzahl von Kontrollstationen geleitet, bei denen einem entweder der weitere Zugang verwehrt wurde oder eine Zahlung erfolgen musste. Sei es dafür, sich bei einem Kontrollpunkt nicht vollständig entkleiden zu müssen, sei es dafür, dass ich eine dunkle Hose trug, an diesem Tage aber angeblich das Betreten des Gefängnisses mit einer schwarzen Hose verboten war. Die Zahlung eines Trinkgeldes - die geöffnete Hand des Kontrolleurs war eine unmissverständliche Geste - löste zwar dieses Problem, dafür hatte sein Kollege am nächsten Kontrollpunkt aber ein anderes Problem, beispielsweise das, angeblich die Mitnahme einer Akte in den Knast (durch einen Anwalt!) nicht zulassen zu dürfen. .
An einem der beiden Tage hatte ich das besondere Erlebnis, die anstaltseigene Gefangenbeköstigung mit zu erleben. Am frühen Nachmittag wurde von Kalfaktoren (das sind Gefangene, die sich durch Arbeit im Knast ein Zubrot verdienen) eine Tonne mit einer Art Eintopf auf den Pausenhof gebracht, für die sich allerdings - in diesem Gefängnis waren mehrere hundert Gefangene untergebracht - allenfalls 10 - 20 Insassen interessierten. Ich schaute mir das Essen etwas genauer an und konnte danach den Verzicht aller anderen Gefangenen bestens verstehen. .
In einer anderen Haftanstalt in einem südamerikanischen Land sass ich mit meinem Mandanten zur Besprechung in einem armselig möblierten Nebenraum, als kommentarlos ein offenbar einheimischer Mitgefangener in einem Rollstuhl neben uns gefahren und dort abgestellt wurde. Dieser Mann war offensichtlich schwer verletzt. Er trug Shorts, beide Beine waren gebrochen, ein Knochen ragte heraus, das Blut tropfte unablässig auf den Boden. Ich rief nach einem Beamten, der auch kurz hereinkam und mit Blick auf den Verletzten gelangweilt abwinkte. Ich forderte ihn in englischer Sprache auf, sofort einen Arzt zu rufen, er schien dies nicht zu verstehen. Mein Mandant bat mich, um Gottes willen kein Aufsehen zu erregen, so etwas sei an der Tagesordnung und man dürfe sich nicht einmischen. Knast als Hotel? - Sicher nicht und schon gar nicht in zahlreichen ausländischen Gefängnissen. Aus dem Brief einer deutschen Mandantin, der mich über Umwege aus einem spanischen Gefängnis erreichte: Am .... drangen spanische Polizisten überfallartig in unser Anwesen in der Nähe von Alicante ein, drängten meinen Mann beiseite, rissen mir unsere kleine weinende Tochter aus den Armen, dann sperrten sie mich in einen vergitterten Transporter und brachten mich zu einer Polizeiwache, wo ich in eine stinkende Zelle gesperrt wurde. Das war am frühen Abend, ich bekam bis zum nächsten Morgen nichts zu Essen oder zu Trinken. Am Vormittag fuhren sie mich zu einem Richter, der mir einen Haftbefehl vorlas, den ich nicht verstand. Danach wurde ich abgeführt und wieder in das Auto gesperrt, die Polizei erklärte mir, ich würde jetzt nach Madrid gebracht. Durch das vergitterte Fenster sah ich meinen Mann, wie er verzweifelt aus der Polizeiwache kam, er konnte mir nicht helfen, wir durften nicht einmal miteinander sprechen. Es begann eine mehrstündige Fahrt, der Fahrer machte sich einen Spass daraus, so ruppig zu fahren, dass ich in meinem Gefangenenabteil hin- und her geschleudert wurde. Im Winter kann es auch in Spanien sehr kalt werden. Angeblich war die Heizung im Auto kaputt, ich zitterte vor Kälte und Angst. Irgendwann hielten die Beamten an einer Tankstelle kurz an, der Beifahrer fragte mich, ob ich Geld hätte, und kaufte mir ein Brötchen und eine Dose Cola, die erste Nahrung seit meiner Festnahme fast 20 Stunden vorher. Nach vielleicht vier oder auch sechs Stunden, man hatte mir meine Uhr abgenommen, erreichten wir in der Abenddämmerung ein trostloses Industriegebiet, durch das wir fuhren. Kurze Zeit später kamen wir im Gefängnis an, wo ich ausgeladen und nach kurzer Aufnahme meiner Personalien in eine Zelle mit mehreren Frauen gesperrt wurde. - Ich erfuhr, dass ich in Soto bin. - Dort sitze ich jetzt seit neun Monaten, im Winter herrschte unerträgliche Kälte, im Sommer Hitze. Über die hygienischen Bedingungen in unserer überbelegten Zelle mag ich gar nicht sprechen. Der einzige Vorteil ist, dass ich ab und zu mit meiner Familie telefonieren kann. - Mein Mann hat mir einen spanischen Anwalt besorgt, der mich gelegentlich besucht. Wenn ich ihn frage, wie es weitergeht und wann ich mit meiner Entlassung rechnen kann, zuckt er nur mit den Schultern. - Wir wissen nicht mehr weiter, ich bin verzweifelt und halte dies alles nicht mehr aus. Soweit dieser Bericht. Es gelang schliesslich, die Überstellung der Mandantin nach Deutschland zu erreichen, wo sie vor Gericht gestellt wurde. Ich konnte eine Verurteilung zwar nicht vermeiden, es gelang jedoch, das Gericht von einer erhöhten Anrechnung der in Spanien erlittenen Haft zu überzeugen und zur Verhängung einer Freiheitsstrafe zu gelangen, die durch die Auslandshaft verbüsst war. Die Mandantin kam also frei und kann wieder unbeschwert mit ihrer Familie leben. Denken Sie jedenfalls nicht, die Haftbedingungen im Ausland - und sei es Spanien - wären mit deutschen Gefängnisses in etwa vergleichbar. Über Knäste im entfernten Ausland noch gar nicht zu reden. |