|
Herr Reemtsma - übrigens Nichtraucher - konnte zu meiner Überraschung scheinbar nicht akzeptieren, dass ein jeder Angeklagter Anspruch auf Verteidigung hat, auch sein Entführer. Er nahm meinem Kollegen und mir offenbar übel, Herrn Drach zu vertreten, erwiderte keine Begrüssung und veranlasste offensichtlich auch seinen Anwalt, uns morgens noch nicht einmal die Hand zu geben, wie es unter Kollegen üblich ist. Das hat mich verwundert, schliesslich gilt Herr Reemtsma als Intellektueller. Wer wenn nicht er müsste wissen, dass auch ein schuldiger Angeklagter in einem Rechtsstaat Anspruch darauf hat, verteidigt zu werden?
Und was hätten wir alles im Strafprozess zur Sprache bringen können, um Sie, sehr geehrter Herr Reemtsma, in Zusammenhang mit den Umständen Ihrer Entführung zu desavouieren? Aber Sie fühlten sich offenbar als vermögender Hamburger Erbe sakrosankt. Eine Hybris, die vielen Menschen eigen ist, denen Reichtum in den Schoss fällt, ohne ihn selbst erarbeitet zu haben.
Kann die eigene Befindlichkeit als Opfer die Ratio (den Verstand) so überlagern? - Bei allem Verständnis für das von Ihnen und Ihrer Familie Erlittene fand ich Ihr Verhalten gegenüber meinem Kollegen und mir als Strafverteidigern erbärmlich.
Wir haben solide handwerklich - nicht spektakulär - gearbeitet, die von Ihnen gewünschte Sicherungsverwahrung im Einvernehmen mit der Staatsanwaltschaft und dem Gericht entgegen den emphatischen Forderungen Ihres Rechtsanwalts juristisch einwandfrei abgewehrt, was Ihnen sicher nicht gefallen hat, aber in einem Rechtsstaat zu respektieren ist. Oder sehen Sie das anders?
Und wir haben Ihren Prozess - es ging ja scheinbar kaum mehr um Thomas Drach, sondern um Ihre Inszenierung als Opfer - ohne jede persönliche Eitelkeit und Selbstdarstellung mit Bedacht geführt und Ihrer Gattin und Ihnen als Tatopfer peinliche Fragen erspart, deren es etliche gegeben hätte.
Und dann sagt man den Verteidigern des Angeklagten noch nicht einmal "Guten Tag"? - Sorry, Herr Reemtsma, für mich haben Sie nicht nur im Strafprozess verloren, sondern auch als Mensch.
|